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Der Karlsruher Wingolf von 1898 bis 1909
Die Gründung des Karlsruher Wingolfs lief nicht ohne Schwierigkeiten ab, da hier in Karlsruhe nicht auf eine bestehende Initiative aufgebaut werden konnte, sondern eine völlige Neubildung darstellte.
Im Jahre 1897 fand sich eine kleine Schar Studenten gleicher Gesinnung zusammen, um einen Verein christlich deutscher Studenten zu gründen. Begeistert von der Idee fanden sich noch weitere Kommilitonen ein. Mit Handschlag beteuerte man sich gegenseitig an christlichen Idealen festzuhalten. Eine der federführenden Kräfte dieser Gemeinschaft war der Student Sieveking, welcher auch als erster im Hause des Stadtpfarrers Mühlhäuser mit dem Wingolfgedanken in Berührung kam. In diesem Hause war es auch, wo die jungen Studenten mit mehreren Philistern anderer bereits bestehender Wingolfverbindungen in Kontakt kamen.
Obwohl diese Gemeinschaft von Studenten eine recht lose Vereinigung war, feierte man trotzdem schon wöchentlich eine Kneipe. An diesen Kneipen nahmen auch regelmäßig in Karlsruhe ansässige Philister teil.
Im privaten Kreise der Studenten wurde ein Prinzip und eine Satzung nach Vorbildern anderer Wingolfverbindungen erarbeitet. Die Frage der Farben war eindeutig, schwarz-weiß-gold. Da jedoch diese Farben als Mützenfarbe anderweitig vergeben war, entschloß man sich, dunkelgrün als einzig geschmackvolle Farbe zu wählen. Die Perkussion wurde entsprechend angepaßt.
Zunächst wurde auf die Anmeldung beim Rektor und Senat der Hochschule verzichtet, weil angeblich die Übung im Kneipenleben noch sehr fehlte. Die Vereinigung wollte sich nicht eher mit dem Namen Wingolf schmücken, als bis die anderen alten Verbindungen die Karlsruher voll anerkannt hätten. Vorläufig wurde der Name Wartburg gewählt.
Schließlich wurde am 13. Juni 1898 der Antrag beim Rektor und Senat zur Gründung der Verbindung Wartburg mit den entsprechenden Farben gestellt. In diesem Antrag war vermerkt, daß zunächst die Farben nur auf Kneipen getragen würden und auf öffentliches Tragen verzichtet werde. Es wurde um die Freiheit gebeten, einen späteren Antrag auf öffentliches Farbentragen zu stellen. Der Antrag wurde in dieser Form vom Rektor und Senat genehmigt. So konnte endlich am 27. Juni das Gründungsfest gefeiert werden.
Bei dem späteren Antrag auf öffentliches Tragen der Farben stellten sich die schlagenden Verbindungen gegen den Karlsruher Wingolf. Sie wollten keine weitere konfes- sionelle Verbindung in Karlsruhe haben. Daraufhin sprachen die Chargierten mit dem Rektor der Hochschule und es stellte sich heraus, daß der Name Wartburg auf die schlagenden Verbindungen wie eine Kampfansage wirkte. Den Namen Wingolf wiederum würde man allgemein begrüßen und der Antrag bezüglich der Farben würde dann auch genehmigt werden.
In einem Schreiben an den Bund bzw. Vorort legten die Karlsruher die Notwendigkeit und vor allen Dingen die Dringlichkeit den Namen Wingolf zu führen dar.
Am 6. Januar 1899 traf auf einem Konvent ein Telegramm aus Erlangen ein:
"Ja Glückauf dem neuen Wingolf!"
Der erste Antrag der Karlsruher zur Aufnahme in den Wingolfbund wurde abgelehnt, da an der Hochschule in Karlsruhe auch Immature aufgenommen werden mußten, wie es an Technischen Hochschulen üblich war. Jedoch wurde später vom Wingolfbund das Maturitätsprinzip aufgehoben, damit der Wingolfgedanke an den TH's nicht verloren ging. Dadurch wurde der Karlsruher Wingolf als vollwertiges Mitglied anerkannt.
Während des Jahres 1900 besserte sich das Verhältnis zu den anderen Verbindungen in Karlsruhe. Der Karlsruher Wingolf bekam sogar einen Sitz im Korporationsausschuß und im sogenannten Siebenerausschuß. Die katholischen Verbindungen waren von diesen Ausschüssen ausgeschlossen. Allmählich jedoch stellte sich die Studentenschaft noch schärfer gegen die katholischen Verbindungen, wodurch auch wiederum der Wingolf zu leiden hatte, da man nie eindeutig von den katholischen, sondern von den konfessionellen bzw. nichtschlagenden Verbindungen sprach. Sie wollten den Konfessionellen Verbindungen das öffentliche Tragen des Schlägers verbieten und stellten diesbezüglich einen Antrag beim Rektor. Der Wingolf entgegnete, daß der Schläger ein Symbol der akademischen Freiheit sei und nicht im Gegensatz ihrer christlichen Ideale stünde.
Der Rektor suchte nach einem Kompromiß und schlug dem Wingolf vor, die Schläger zumindest in einer Lederscheide zu tragen. Woraufhin der Karlsruher Wingolf dem Rektor und Senat mitteilte, daß er nur eine Verbindung des gesamten Wingolfbundes sei und somit nicht die Möglichkeit habe irgendwelche Rechte preiszugeben.
Nun versuchten die schlagenden Verbindungen es anders. Mit der Begründung, daß eine Verbindung in ihrer geistigen Einstellung etwas mit der akademischen Ausrichtung der Hochschule zu tun haben sollte, wollte man die konfessionellen Verbindungen verbieten und weitere Neugründungen verhindern, da bekanntlich an einer TH keine Religionswissenschaften gelehrt wurden. Diesmal schaltete sich der VAW und der damalige Vorort Bonn ein. Es wurde der Standpunkt des Wingolfbundes dargelegt (überkonfessionell, kooperativ). Und darüber hinaus eine Stellungnahme zum obigen Antrag abgegeben. Nach einigem Hin und Her verlief diese Angelegenheit, wie es nicht anders zu erwarten war, im Sande.
All diese Vorfälle beeinträchtigten die Keilarbeit und es wurde immer schwieriger Nachwuchs zu bekommen. So kam es auch, daß man wegen zu geringer Mitgliederzahlen ungeliebte und eigentlich störende Elemente (Bbr.) nicht beseitigen konnte. Als Resümee für die Vertagung des Karlsruher Wingolf kann gesagt werden, daß einerseits eine Schwächung von Innen durch die Prinzipkämpfe im Wingolf und zum anderen von außen durch die anhaltenden Anfeindungen der schlagenden Verbindungen stattfand.
Am 16. Februar 1909 vertagte sich der Karlsruher Wingolf in der Hoffnung auf eine baldige Wiedergründung in besseren Zeiten und übergab alle Rechte und Pflichten dem Karlsruher Philisterverband.
(Jörg Schaupp)
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